Instagram und ich: Warum ich nicht mehr mitspiele
- 10. Juli 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 24. Sept. 2025
Es ist ein bisschen so, als würde ich in einer Beziehung feststecken, die mir mehr nimmt als gibt. Instagram und ich – wir hatten unsere Momente. Doch je länger ich dort aktiv war, desto mehr wurde mir klar: Diese Beziehung basiert auf Druck. Nicht auf Inspiration, nicht auf echtem Austausch, nicht auf Freiheit.
Der Druck, sichtbar zu sein – immer, überall

Ich habe lange versucht, mitzuhalten. Mit dem Rhythmus. Mit den Regeln. Mit dem Gefühl, „drinbleiben zu müssen“, um nicht in der Versenkung zu verschwinden. Denn so heißt es doch immer:
„Wenn du ein Business hast, musst du auf Instagram sichtbar sein.“
Und das bedeutet heute mehr als nur ein hübsches Bild hochladen. Es heißt: täglich präsent sein. Storys machen. Reels posten. Trends aufgreifen. Insights analysieren.
Am besten gleichzeitig unterhalten, inspirieren, verkaufen – und dabei bitte immer so wirken, als wäre genau das ganz natürlich.
Echt, spontan, mühelos.
Doch genau das ist es oft nicht.
Es ist eine Art Dauerbespielung, die kaum Raum für echte Kreativität lässt. Statt in Ruhe etwas zu gestalten, wird schnell etwas rausgehauen – Hauptsache, der Algorithmus wird gefüttert. Und wehe, man fällt mal für ein paar Tage raus. Dann kommen die Zweifel, die Scham, die Angst: Was, wenn ich vergessen werde? Wenn das jetzt mein berufliches Aus ist?
Diese Gedanken waren lange mein ständiger Begleiter. Ich habe mich selbst dabei beobachtet, wie ich überlegte, ob ich jetzt wirklich krank sein darf – oder ob ich nicht doch wenigstens ein Lebenszeichen posten sollte. Ob ich erklären muss, warum ich mal keine Story mache. Warum ich “weg” bin.
Aber warum eigentlich?
Der Algorithmus: Wer nicht liefert, verliert
Instagram ist keine neutrale Bühne. Es ist eine Plattform, die nach ganz bestimmten Regeln funktioniert – und diese Regeln werden vom Algorithmus bestimmt. Dieser entscheidet, wer gesehen wird, wann und wie oft. Und was man dafür tun muss, ist inzwischen alles andere als nebensächlich.
Täglich werden laut aktuellen Schätzungen über 95 Millionen Beiträge auf Instagram veröffentlicht. Dazu kommen unzählige Stories, Reels, Nachrichten, Likes und Kommentare. In diesem digitalen Dauerstrom sichtbar zu bleiben, ist eine Herausforderung. Der Algorithmus priorisiert Inhalte, die bestimmte Kriterien erfüllen:
Regelmäßige Aktivität (idealerweise tägliches Posten oder mindestens 3–5x pro Woche)
Engagement-Raten (Likes, Kommentare, Shares, Saves – möglichst innerhalb der ersten Stunde nach Veröffentlichung)
Verweildauer (ob Nutzer auf deinem Beitrag hängen bleiben, interagieren, weiterklicken)
Reel-Nutzung (Videos bekommen mehr Reichweite als Fotos)
Story-Interaktion (Umfragen, Reaktionen, Sticker – je mehr Beteiligung, desto besser)
Wer mitspielen will, muss nicht nur fotografieren oder posten, sondern planen, analysieren, reagieren, optimieren. Reels schneiden, Captions schreiben, Insights auswerten. Und das jede Woche aufs Neue.
Und hier liegt für mich das eigentliche Problem: Der Algorithmus verlangt Zeit. Viel Zeit.
Zeit, die man sich nicht „mal eben“ nimmt, wenn man – so wie ich – studiert, arbeitet und ein Pferd versorgt. Zeit, die abends eigentlich für Erholung, Gespräche oder Kreativität gedacht wäre – und nicht dafür, im Halbschlaf noch schnell eine Story zu posten, damit der Account „aktiv“ bleibt.
Die freie Zeit, die bleibt, wird so zur Währung. Und irgendwann stellt sich die Frage: Will ich diese Zeit wirklich an Instagram abgeben? Oder verbringe ich sie lieber mit Dingen, die mir guttun, die mich wirklich erfüllen, die mir Energie geben, statt sie zu nehmen?
Ohne Instagram kein Business?
Die Meinung, dass ein Unternehmen ohne Instagram oder TikTok heutzutage keine Chance hat, ist weit verbreitet. Man hört sie auf jeder Konferenz, in jeder Beratung, in jeder Business-Story: „Wer nicht sichtbar ist, existiert nicht.“
Und es stimmt: Große Marken sind auf Social Media präsent. Auch kleine, kreative Unternehmen setzen auf Reels, Trends und Challenges. Überall entstehen Mini-Universen aus ästhetischem Content und durchgestylten Markenidentitäten.
Aber ich habe festgestellt: Für mich funktioniert das so nicht.
Ich habe all das versucht. Ich habe gepostet, geteilt, mich gezeigt. Ich war kreativ, konsistent, bemüht – und trotzdem kam dabei nichts Zählbares heraus. Keine Anfragen. Keine Kundschaft. Kein echtes Wachstum.
Stattdessen: Erschöpfung. Und das Gefühl, zu versagen, weil ich scheinbar nicht „richtig“ spiele.

Wer bin ich in diesem System?
Ich habe irgendwann angefangen, mich zu fragen: Wen genau versuche ich hier eigentlich zu erreichen? Und vor allem: In welchem Modus arbeite ich hier gerade? Bin ich Fotografin? Dienstleisterin? Unternehmerin? Oder vielleicht… Künstlerin?
Denn was ich tue – Pferde zu fotografieren, Momente festzuhalten, die zwischen Stille, Verbindung und Bewegung liegen – ist für mich mehr als ein Job. Es ist eine Ausdrucksform.
Was ich tue, ist kein Massenprodukt. Ich will nicht shooten wie am Fließband. Ich will nicht Inhalte generieren, weil der Redaktionsplan es vorgibt. Ich will erschaffen, wenn etwas in mir danach ruft.
Aber Social Media fordert Regelmäßigkeit, Tempo, Planbarkeit. Dinge, die Kreativität oft nicht kennt. Instagram interessiert sich nicht dafür, wie viel Seele in einem Bild steckt. Nur dafür, wie es performt. Und da entsteht ein Konflikt, der mich als Künstlerin zunehmend belastet hat.
Wie soll ich Kunst schaffen, wenn ich dauernd „sichtbar“ sein muss? Wie soll ich mich auf echte Fotografie einlassen, wenn im Hinterkopf schon die nächste Caption formuliert werden will?
Zurück zu mir. Und zur Freiheit.

Ich habe lange gezögert, mir das einzugestehen. Denn es bedeutet auch, gegen die allgemeine Erzählung zu stehen. Sich nicht mehr über Performance zu definieren. Sondern über Haltung.
Ich habe aufgehört, mich dafür zu rechtfertigen, wenn ich mal nichts poste. Ich habe aufgehört, mich klein zu fühlen, wenn mein Account „still“ ist.
Denn mein Wert liegt nicht in Sichtbarkeit. Mein Wert liegt in Tiefe. In echten Begegnungen. In der Zeit, die ich mir nehme, um wirklich hinzusehen – auf das Pferd vor meiner Linse, auf die Stimmung in einem Moment, auf das, was entsteht, wenn ich nicht funktioniere, sondern fühle.
Vielleicht verliere ich dadurch Reichweite. Vielleicht werde ich übersehen. Aber ich verliere nicht mich. Und das ist mir wichtiger.
Offline ist auch eine Entscheidung
Ich weiß heute: Ich brauche keine digitale Bühne, um wertvoll zu sein. Ich brauche keine Erklärung dafür, wenn ich einfach mal nichts poste. Ich darf da sein – und auch mal weg sein. Ich darf teilen – oder es lassen. Nicht der Algorithmus sollte entscheiden, wann ich sichtbar bin. Sondern ich.
Und vielleicht bedeutet Erfolg für mich etwas anderes. Etwas Leiseres. Etwas Echtes. Vielleicht bedeutet Erfolg für mich, im echten Leben präsent zu sein. Mit echten Begegnungen. Mit echter Energie für meine Arbeit.
Also höre ich auf, mich zu rechtfertigen. Ich höre auf, mich zu verbiegen. Ich nehme mir die Freiheit, Instagram nur noch zu nutzen, wenn es sich gut anfühlt. Wenn es passt. Wenn es echt ist.
Und vielleicht ist nicht zu posten, offline zu sein der mutigste Beitrag, den man machen kann.

