Abschied nehmen
- 27. Nov. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Bevor ich diesen Text hier mit dir teile, möchte ich dich darauf hinweisen, dass es um den Verlust eines geliebten Tieres geht. Falls dieses Thema für dich zu belastend ist, bitte ich dich, diesen Text nicht weiterzulesen.
Ich habe diesen Text geschrieben kurz nachdem ich von Rankys Tod erfahren habe. Er ist in einer Phase tiefer Trauer entstanden. Zudem hatte ich zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht alle Informationen betreffend ihrer Diagnose. Ich habe mich mit der Frau in Verbindung gesetzt bei der Ranky zuletzt gelebt hat. Sie hat mir erzählt wie sie diese Zeit erlebt hat, die ärztlichen Unterlagen und Befunde geschickt und vorallem wie es Ranky in ihren letzten Wochen und Tagen ging. Die Frau hat sie ebenso geliebt wie ich. Wenn es zum Zeit der Diagnose noch eine Möglichkeit auf Besserung gegeben hätte, hätte sie für Ranky alles möglich gemacht. Ranky hatte eine Desmose der Gleichbeinbänder. Das bedeutet, dass die Bänder, die die kleinen Gleichbeine am Fesselgelenk stabilisieren, entzündet, überlastet oder geschädigt waren.
Diese Bänder sorgen normalerweise dafür, dass das Fesselgelenk stabil bleibt und die Sehnen richtig geführt werden. Wenn sie durch eine Desmose geschädigt sind, werden sie schwach, schmerzhaft und verlieren ihre Stützfunktion, was zu Instabilität, Lahmheit und starken Schmerzen führen kann. In Rankys Fall war diese Desmose so fortgeschritten, dass auch bereits Knochengewebe angegriffen war. Es gab keine Möglichkeit für operative oder medikamentöse Eingriffe mehr, da die Schäden zu gravierend waren. Sie hatte permanent Schmerzen und es wäre nicht fair gewesen sie weiterhin bei uns zu behalten. Diese Diagnose hat mir sehr geholfen mit ihrem Tod besser klar zu kommen. Ich hätte nichts mehr tun können, das weiß ich jetzt. Ich vermisse sie dennoch jeden Tag. Deswegen auch hier nochmal der Reminder: du musst diesen Text nicht lesen wenn du glaubst, dass er dich emotional zu sehr belasten könnte.
Und an jeden der auch schonmal ein Tier verloren hat, fühl dich bitte ganz doll gedrückt von mir!
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Liebe Ranky,
Ich erinnere mich noch sehr genau an den Tag, an dem ich dich das erste Mal kennenlernen durfte. Ich habe dein weiches Fell gestreichelt, dich geputzt und dich über den Hof führen dürfen. Dein goldrotes Fell, dein zierlicher Kopf mit den zwei weißen Abzeichen und deine Art, immer wie auf Wolken zu laufen, sind mir bis heute unvergesslich.
Damals hatten wir dich gekauft, weil ich für mein Pony zu groß geworden war. Du warst ein Pferd für den Sport – mit großartigen Veranlagungen und einer beeindruckenden Abstammung. Ein Versprechen für Erfolg und große Ziele. Dinge, die für mein elfjähriges Ich alles bedeuteten. Denn Anerkennung hatte ich bis dahin nur durch solche Leistungen erfahren.
Du warst mein Traum.
Doch dieser Traum zerplatzte viel zu schnell. Und ich war so sauer – auf dich, auf meine Eltern, auf die Welt. Gleichzeitig war ich unsagbar traurig. Auch wenn es anfangs nicht so schlimm schien, hattest du immer wieder Schmerzen, die ich dir nicht nehmen konnte.
Es tut mir unendlich leid, dass wir so lange gebraucht haben, um herauszufinden, dass du Arthrose im Hals hattest. Es schmerzt, dass wir an Ärzte geraten sind, die dir nicht helfen konnten. Ich weiß, dass wir dich besser hätten behandeln können, wenn wir die Diagnose früher erhalten hätten. Jahrelang mussten wir mit der Angst leben, dass jeder Tag schlimmer sein könnte als der letzte. Nächte, in denen ich kaum schlafen konnte, weil ich wusste, dass es dir nicht gut ging. Ich hätte am liebsten jede davon bei dir im Stall geschlafen um bei dir zu sein.
Trotz all der Hürden habe ich dich so unglaublich liebgewonnen. Mit der Zeit wurde mir klar, dass mein großer Traum vom Sport nichts war im Vergleich dazu, dich an meiner Seite zu haben. Auch wenn wir nie durch das Viereck getanzt sind oder große Parcours gemeistert haben, haben wir uns gegenseitig besser kennengelernt, uns angefreundet und ein tiefes Vertrauen aufgebaut.
Du warst niemals der Mittelpunkt der Herde, niemals die Chefin oder die Stärkste. Aber das hast du auch nie gebraucht. Du warst sanft und fein, liebevoll und zart. Und trotzdem hattest du diese Selbstsicherheit, deine Grenzen zu setzen. Besonders geduldig warst du mit mir, einem schrecklich pubertierenden Teenager.
Du hast mir Akzeptanz und Ruhe gelehrt. Mit jeder Minute, die wir zusammen verbrachten, hast du mir den Druck und die Selbstzweifel genommen. Du warst eine der wenigen Seelen, bei der ich einfach ich sein konnte. Was ich von dir gelernt habe, lässt sich kaum in Worte fassen.

Du bist der Grund, warum ich niemals aufhören werde zu lernen. Warum ich immer weiter nach Wissen strebe, um euch Pferde besser zu verstehen. Ich möchte herausfinden, was ihr braucht, unabhängig von Erwartungen oder Anforderungen – mit Geduld, Ruhe und Respekt.
Als ich 2021 für mein Studium von Zuhause auszog, war klar, dass du auf Dauer ohne mich keinen Platz mehr dort haben würdest. Mit der Diagnose und einem guten Behandlungsplan ging es dir gut, und mir wurde versprochen, dass ein guter Platz für dich gefunden würde. Als du 2022 in dein neues Zuhause zogst, dachte ich, dass es die richtige Entscheidung war. Vielleicht würde es dir dort sogar besser gehen als bei mir?
Zu erfahren, dass es dir dort nicht besser ging und dass es so schlimm wurde, dass sie entschieden haben, dich gehen zu lassen, hat mir das Herz gebrochen.
Seitdem kreisen so viele Gedanken durch meinen Kopf:
Hat deine neue Besitzerin dir wirklich gutgetan?
Hat sie genug um dich gekämpft?
War sie in deinen letzten Minuten bei dir?
Hat sie dir den Kopf gekrault, während sie um dich geweint hat?
Hat sie dich so sehr geliebt wie ich?
Hättest du mich in deinen letzten Minuten gebraucht?
War es meine Schuld, dass es dir dort überhaupt so schlecht ging?
Weil ich dich zurücklassen musste?
Weil ich nicht genug um dich gekämpft habe?
Hast du mich genauso sehr vermisst, wie ich dich?
Hat es dir genauso das Herz gebrochen wie mir, Abschied zu nehmen?
Konntest du friedlich gehen?
Wäre es besser gewesen, wenn sich unsere Wege nie getrennt hätten?
Wärst du dann jetzt noch am Leben?
Und zwischen all diesen Gedanken liegt ein Tränenmeer, das seit Monaten nicht versiegen will.
Zwischen Verdrängung, nächtelangem Weinen, Selbstvorwürfen und abgrundtiefer Trauer wird mir immer wieder eines klar: In dem Moment, in dem du die Augen geschlossen hast, hat die Welt eine wundervolle Seele verloren. Ein Licht, das niemand ersetzen kann und das ich bis zu meinem letzten Atemzug vermissen werde.
Wenn ich mir die Bilder ansehe, die schönen Momente, die du mir geschenkt hast, dann weiß ich, dass du mir einen Schatz hinterlassen hast. Trotz all der Schwierigkeiten in deinem Leben hast du voller Liebe gesteckt. Und diese Liebe ist unbezahlbar.

Ich sitze hier und sehe mir die Bilder an. Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit, die Freude, die du mir gebracht hast. Ich versuche, diese Zeilen zu schreiben, aber manchmal verschwimmen mir die Worte vor den Augen, wenn die Tränen wieder fließen.
Ich könnte noch so viel über dich erzählen, aber ich weiß, dass meine Worte niemals ausreichen werden, um dich zu beschreiben.
Du warst einzigartig, unverkennbar.
Und ich vermisse dich. So unendlich sehr.
Falls dich diese Worte erreichen, hoffe ich, dass du verstehst, wie sehr du geliebt wirst.
Und falls Gott, das Universum oder wer auch immer gerade zuhört, möchte ich nur um eine Sache bitten: dass ich dich eines Tages wiedersehen darf.
In ewiger Liebe,
Rieke


